Samengewinnung

Der Gewinnung der Samen kommt bei all diesen samenfesten Sorten eine besondere Bedeutung zu. Daher ist dies ein sehr wichtiges Kapitel. Denn wenn Sie ein paar kleine Regeln beachten, dann brauchen Sie mich für die nächste Tomatensaison nicht mehr oder nur noch, wenn Sie andere und/ oder neue Sorten anbauen möchten. Und noch einen Vorteil hat die Gewinnung der Samen von den eigenen Pflanzen: Da die samenfesten Sorten in der Lage sind, sich an bestimmte Gegebenheiten und Standorte anzupassen, werden Sie von Jahr zu Jahr immer besser angepasste Tomatenpflanzen haben, die widerstandsfähiger sind und eine größere Ernte hervorbringen.

Es lohnt sich also und zudem erhalten Sie so die wunderbare Vielfalt, die uns sonst leider zusehends verloren geht.

Die richtige Tomate - Das Projekt - Vielfalt
Die Samengewinnung fängt bei der Auswahl der richtigen Früchte zur Entnahme der Samen an. Die Früchte hierfür müssen unbedingt vollreif sein und man sollte die Samen immer aus den frühen Früchten entnehmen. Man prägt die Sorte damit über Generationen zu einem frühen Reifen. Das ist in unserer Klimazone ein wichtiger Faktor, um die Ernteperiode zu verlängern. Und dann kommt ein Auswahlkriterium, das oft vergessen wird: die Frucht sollte sortentypisch sein. Sortentypisch soll heißen, dass es sich nicht um die Frucht einer Königsblüte handelt. Früchte von Königsblüten sind meist deutlich größer als es für die jeweilige Sorte typisch wäre, und sie haben am unteren Ende eine langgezogene Narbe. Die Königsblüte kann sich aufgrund der vielen verwachsenen Blütenblätter und der langgezogenen Blütennarbe nicht selbst bestäuben und wenn sich in der Umgebung, bzw. in Hummelflugweite andere Tomatensorten befinden, wird diese Blüte von fremdem Pollen bestäubt. Es entstehen Kreuzungen. Diese Kreuzungen können auch sehr spannend sein und man kann wunderbar beobachten, was man in der Schule über die Vererbungslehre und die Mendelschen Regeln gelernt hat, aber bei der Erhaltung von alten Sorten ist eine Verkreuzung nicht gewünscht.
Achten Sie also auf sortentypische Früchte mit meist runder und geschlossener Narbe, um eine Fremdbestäubung weitestgehend auszuschließen.

Jetzt müssen Sie nur noch die Samen samt der Gallerte entnehmen und in ein mit Wasser gefülltes Glas geben. Ich verwende zum Auskratzen der Samen den Stiel eines Kaffeelöffels. Dünne Holzspatel oder ähnliches funktionieren aber genauso gut.

Die Gallerte mit den inliegenden Samen rührt man nun gut um und lässt sie etwas stehen. Meist löst sich die Gallerte bei 24 Stunden im Wasser bei Raumtemperatur auf. Hier ist allerdings etwas Fingerspitzengefühl gefragt, denn manche Sorten neigen zu einem sehr schnellen Keimen im Wasser. Wenn man sieht, dass nach 24 Stunden bereits Samen begonnen haben zu keimen, dann können Sie diesen Ansatz komplett entsorgen. Hintergrund ist, dass die restlichen Samen, bei denen man noch keinen Keim sieht, recht sicher ebenfalls schon mit dem Keimen begonnen haben und nach dem Trocknen nicht mehr keimen würden.

Hier muss man also etwas beobachten und die Samen mancher Sorten bereits nach 12 Stunden aus dem Wasserbad nehmen und andere vielleicht erst nach 36 Stunden, weil die Gallerte lange Zeit die Samenkörner fest umschießt.

Die richtige Tomate - Das Projekt - Vielfalt
Die richtige Tomate - Das Projekt - Vielfalt
Ist man der Meinung, dass sich die Gallerte gut gelöst hat (das erkennt man beim Umrühren recht gut), schüttet man das Wasser mit den Samen über ein feines Sieb. Ein Teesieb eignet sich dafür ganz hervorragend. Nun spült man das Ganze mit reichlich Wasser ab und gibt die im Sieb befindlichen Samen auf ein Blatt Papier. Ich verwende ein normales ungebleichtes Druckerpapier, weil sich davon die Samen nach dem Trocknen gut entfernen lassen. Auf Küchenkrepp oder Toilettenpapier kleben die Samen sehr viel stärker fest. Erst nach dem vollständigen Trocknen können die Samen in kleine Papierbriefchen oder Baumwollsäckchen gepackt werden. Von Plastiktüten rate ich ab, weil diese nicht atmungsaktiv sind und bei Temperaturschwankungen Schwitzwasser entstehen und die Samenkörner zum Keimen bringen könnte.

Es sei noch eine Sache zum Fermentierungsvorgang der Samen und der Gallerte im Wasserglas zu sagen: Es ist völlig normal, dass das Wasser in dieser Zeit trüb wird. Es ist auch völlig normal, dass sich eine Haut auf dem Wasser bilden kann und selbst wenn ein weißer Belag (das sind verschiedene Hefen) entsteht, ist das überhaupt nicht schlimm. Man kann den Anblick durch Umrühren etwas erträglicher machen, aber es zeigt lediglich, dass der Fermentationsprozess im Gange ist, den wir herbeiführen möchten.

Die so gewonnenen Samen sind bei fachgerechter Lagerung (kühl und dunkel) mindestens 5 Jahre keimfähig – meist jedoch deutlich länger!

Viel Freunde und Erfolg beim Bewahren dieser Vielfalt!