Was sind alte Sorten?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu erklären und es gibt verschiedene Auffassungen, was eine „alte Sorte“ ist. Eines ist aber all diesen Sorten gemein: Es handelt sich um echte Sorten, die samenfest sind. Hybriden scheiden damit als alte Sorten aus.

Oft sind „alte Sorten“ tatsächlich älter und stammen etwa aus dem Zeitraum von 1800 bis 1950. Sie besitzen heute keine Zulassungen mehr oder haben noch niemals eine besessen. Es gibt aber auch neue Züchtungen, die samenfest sind und damit durchaus zu den „alten Sorten“ gezählt werden können, auch, wenn sie noch recht jung sind.

Etwa um das Jahr 1800 herum gab es den heute gängigen Ansichten nach wohl die größte Anzahl an sogenannten Landsorten. Davon gab es wohl ähnlich viele, wie es Bauernhöfe gab. Es handelte sich um Sorten, die sich an die speziellen Gegebenheiten vor Ort angepasst hatten. Von Generation zu Generation wurden sie weitergegeben, angebaut und hatten so einen geregelten Fortbestand. Änderte sich das Klima, so waren diese Sorten in der Lage, sich binnen weniger Generationen an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Es ist diese Diversität und dieser damals schier unerschöpflich erscheinende Genpool, der die Landwirte damals erfolgreich und überlebensfähig machte. Doch dann änderten sich die Anforderungen der bäuerlichen Landwirtschaft weg von einer Selbstversorgung, hin zu einer Marktversorgung. Dieser Strukturwandel und die Flurbereinigung 1953, sowie die Einführung des Saatgutverkehrsgesetzes 1986 bedeuteten das sichere Ende für Vielfalt und Biodiversität.

Im Rahmen der Flurbereinigung wurden versprengt liegende Ackerflächen verschiedener Landwirte zu großen und einheitlichen Flächen zusammengefasst. Gebüschstreifen und ehemalige Randzonen konnten so zu Ackerfläche werden und verschwanden und mit Ihnen viele Lebensräume und Korridore für heute leider oft selten gewordene einheimische Tier- und Pflanzenarten. Mit den großen Ackerflächen hielt die Monokultur Einzug und die Anforderungen an Nutzpflanzen änderten sich: Es wurden neue Kreuzungen kreiert, sogenannte Hybrid-Sorten, die sich durch höhere Erträge, eine große Einheitlichkeit, sowie Resistenzen gegenüber verschiedenen Schädlingen oder Krankheiten auszeichnen.

Die richtige Tomate - Anzuchtanleitung
Dadurch gerieten viele der alten und regionalen Sorten in Vergessenheit und verschwanden aus dem Anbau. Schätzungen zufolge sind in den Industrienationen, wie beispielsweise in Deutschland, etwa 95 % der Nutzpflanzensorten ausgestorben, die wir um 1900 noch kannten. Mit ihnen ist auch die genetische Vielfalt unwiederbringlich verloren.

Die Einführung des Saatgutverkehrsgesetzes war dann der endgültige Todesstoß für die Vielfalt: Jede Sorte, die zum Verzehr zugelassen ist, muss vom Bundessortenamt geprüft und klassifiziert werden. Prüfkriterien sind Haltbarkeit, Homogenität der Früchte, gleichmäßige Reife, Transportfähigkeit und vieles andere mehr. Der Geschmack ist hierbei kein Prüfkriterium!

Alte Sorten hingegen lassen sich nicht klassifizieren und sind oft sehr heterogen in Fruchtgewicht, -form und -größe. Auch reifen nicht alle Früchte gleichzeitig und gleichmäßig aus. Sie liefern auch nicht so hohe Erträge und haben gegen einige in Monokulturen gefürchtete Krankheiten kaum Resistenzen. Dafür haben sie etwas anderes: Geschmack und mehr gesunde sekundäre Pflanzenstoffe!

Fassen wir also zusammen: Alte Sorten sind immer samenfest und in aller Regel durch mehr sekundäre Pflanzenstoffe deutlich gesünder als die ertragreicheren Hybridsorten. Sie schmecken besser und sind der Schlüssel für mehr Biodiversität im eigenen Garten.

PS.: Im englischsprachigen Raum werden „alte Sorten“ als „Heirloom Seeds“ bezeichnet. Übersetzt bedeutet das in etwa „Erbschafts-Saatgut“ und meint, als dass man die Sorten von einer in die nächste Generation überführen kann. Man kann sie also weitervererben. Das ist der große Unterschied zu den Hybridsorten, die sich in der nächsten Generation wieder genetisch aufspalten.